Wolfgang Singer: Die Spielregel oder "Beobachtungen beim Sonntagsturnier"

Am ersten Sonntag jedes Monats
findet um 10 Uhr das von vielen erwartete (von einigen auch respektlos ’Bierdeckelturnier’genannte) Sonntagsturnier des 1. KTV statt. Innerhalb einer dreiviertel Stunde treffen die meisten Teilnehmer ein. Manche sind noch von den Anstrengungen der davorliegenden Stunden mehr oder minder schwer gezeichnet. Schwarzer Kaffee aus dem Hause Willmann erweitert die Sehschlitze und lässt manche unbeschadet die zehn Schritte zur Anmeldung überstehen. Sobald 85% der Teilnehmer (ca. um 10:37) eingetroffen sind,ergreift die Turnierleitung das Wort.

Die Turnierleiter (z.B. Uli, Norbert, Walter) gehören zumeist der Klasse der extrem gutmütigen und verständnisvollen (davon etwas später) Menschen an.
Sie erklären in Ruhe die Regeln, die weder im Regelbuch des ’Old England Tennis Club’, noch im Handbuch der Faschingsgilden zu finden sind. Es wird jede Runde so zwischen 20 und 35 Minuten gespielt. Wenn ein Team mehr als 7 Games erreicht, können dennoch nur (leistungsfeindliche) 7 Punkte aufgeschrieben werden. Gewinnt ein Team kein einziges Game, wird es dennoch mit einem Punkt belohnt, da wir ja schliesslich in einem Sozialstaat leben. Da die Teilnehmer zwischen Halbprofis und Spielern, die ihr erstes Racket wahrscheinlich erst vor kurzem zum Vatertag geschenkt bekamen, angesiedelt sind, bittet der Turnierleiter man möge doch die schwächeren Teilnehmer ’mitspielen’ lassen. Ein paar Halbprofis nicken verständnisvoll und haben diesen Vorsatz (falls er je wirklich existiert hat) am weiten Weg bis zum Platz schon wieder vergessen, oder gar mit innerem grimmigen Lächeln als unnötige Gefühlsduselei abgetan.

Vor der ersten Runde bittet der Turnierleiter noch die Teilnehmer zu einem Gruppenphoto,
auf dem aber noch nie alle Teilnehmer zu sehen waren, da sich einige noch nicht von ihrem Kaffee trennen können oder sich noch in den unteren Etagen des Klubhauses aufhalten, um entweder weniger Gewicht mit sich am Platz herumzuschleppen oder um noch zu checken, ob der pinke Lippenstift auch wirklich farblich genau auf den pinken Pollunder abgestimmt ist. Der Vorteil eines Photos vor dem Turnier ist, dass zu diesem Zeitpunkt die meisten Teilnehmer noch lächeln. Ein Tennis-Philosoph sagte einmal: “Wenn an einem Turnier 32 Personen teilnehmen, sind am Ende des Turniers 31 Personen‚ ’angefressen’“ (was aber wiederum nichts mit der guten Willmann’schen Küche zu tun hat).

Nachdem für die erste Runde die Bierdeckel gezogen sind,
begeben sich die Akteure frohen Mutes auf ihren Platz und Ihre Position, wo es dann manchmal schon den ersten Grund gibt mit dem Lospech zu hadern (“... nein, warum muss ich gerade den/die als Gegner erwischen ...“). Auf manchen Plätzen treffen fünf Personen ein. Die (oben erwähnte gutmütige) Turnierleitung versucht dann, den Platz zu finden, an dem nur drei Akteure Ausschau  nach einem potentiellen ’Vergissmeinnicht’ halten.

Da im Tennisklub einige Berufsgruppen vertreten sind,
wird dieses Turnier auch dazu verwendet, um potentielle Kunden zu akquirieren. Eine Chiropraktikerin steht im Verdacht beim anfänglichen Shakehands mehrfach versucht zu haben, dem Gegner die Mittelhandknochen auszukegeln. Ein Rechtsanwalt hat genau beobachtet, ob es am Platz zu irgendwelchen Streitereien oder Beleidigungen gekommen ist. Falls ein Ehepaar darin involviert war, hat er im Geiste gleich die Scheidungspapiere vorbereitet. Der Schreiber dieser Zeilen hätte fast die Dienste des Rechtsanwalts in Anspruch genommen, als er am Ende des Matches von einer (sehr gut spielenden) Dame beschimpft wurde, er hätte fast nur geschnetzelt und gefitzelt. Ich musste die Dame darauf aufmerksam machen, dass dieser Schlag in fast jedem (guten) Tennisbuch unter ’Slice’ beschrieben ist. Besonders oft findet dieser Schlag im Tennisbuch von Brad Gilbert (“Winning Ugly“) lobende Erwähnung (wobei dem Backhand Drive kaum Bedeutung zugemessen wurde).

Während des Turnier treten auch (versteckte) Generationenkonflikte an die Oberfläche.
Manche mitspielende Jugendliche glauben auf dem Leibchen, der knapp hinter dem Netz stehenden Gegner, ein Fadenkreuz auszunehmen. Es wird daher manchmal versucht, einen glatten und fransenfreien Durchschuss zu bewerkstelligen, wobei der Ball jedoch manchmal sein Ziel (das imaginäre Fadenkreuz) verfehlt, unterwegs viel Filz verliert und am Gitter beinahe verglüht.

Während der Mittagspause
wird auch der Zwischenstand inoffiziell zusammengerechnet und auf ein Favoritensterben gehofft. Es fehlte auch nicht an Versuchen, die Turnierleitung zu beeinflussen, man möge doch einfach den Führenden kurzerhand disqualifizieren. Erst als mit rechtlichen Mitteln (auf Rückgabe des Nenngeldes) gedroht wurde, hat man von dieser Idee wieder Abstand genommen.

Bei den Finalk(r)ämpfen kommt es mitunter auch zu eigenartigen Zusammenstellungen.
Beim vorletzten Finale waren zum Beispiel die beiden Damen (mit Landesliga Format) den beiden Ihnen zugelosten Herren weit überlegen. Das Finale artete daher eher zu einem Dameneinzel mit Herrenbehinderung aus. Einer der beiden Herren hat sogar erwogen, nach seinem Aufschlag rasch die Bank an der Spielfeldseite aufzusuchen, und von dort den weiteren Verlauf des Punktes zu verfolgen. Das letzte Finale war von hoher Qualität und riss die Zuseher zur ’Welle’ von den Sitzen. Wie sich später herausstellte, nicht aus Begeisterung, sondern weil die Zuseher wegen der Kälte Bewegung suchten. Die Gewinnerin verbreitete Tage nach dem Finale “.. so einen Mann hatte ich noch nie ..“, was wiederum aus unerklärlichen Gründen zu einigen Missverständnissen führte.

Die Sonntagsturniere haben sicherlich den meisten viel Spass gemacht
und wir freuen uns schon auf die Turniere (und Vorkommnisse).